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Vor 25 Jahren - Das "Ronnie-Hellström-Abschiedsspiel"

11. April 2019

Eine der unvergesslichsten Begegnungen meiner gesamten „Betze-Laufbahn“ fand am 24. April 1984 in Kaiserslautern statt. Kein Europacupspiel, kein Bundesligaspiel, kein DFB-Pokalspiel – nicht mal ein Pflichtspiel um Punkte! Sondern das unvergessene Abschiedsspiel der schwedischen Torhüter-Legende Ronnie Hellström! Zum allerletzten Mal ertönte das langgezogene „Roooniiee“ zur Begrüßung durchs Betzenberg-Stadion! Diese 90 Minuten haben sich ganz fest in meinen Erinnerungen und auch in meinem tiefsten Herzen eingebrannt! Dem schnauzbärtigen Schweden wurde die äußerst seltene Ehre zuteil, sich auf diese Art und Weise von seinem Verein, seinen Mannschaftskameraden und seinen Fans verabschieden zu dürfen! Obwohl er viele der dazu vorgegebenen Kriterien nicht erfüllte: Beispielsweise verfehlte er mit 77 Einsätzen die notwendige Zahl von 80 Länderspielen knapp, er war bekanntermaßen kein Deutscher. Einzig konnte er das Merkmal „Vereinstreue“ nach zehnjähriger Vereinszugehörigkeit beim FCK als grundlegende Voraussetzung für ein Abschiedsspiel zweifellos vorweisen. Zusammen mit 35.000 beneidenswerten Fußballfreunden, die wie Helga und ich das Glück hatten, eine der heiß begehrten Karten zu ergattern, pilgerten wir zu diesem ausverkauften Spiel „auf den Berg“. Um „unseren Ronnie“ in würdigem Rahmen zu verabschieden. Und wir sahen dort eine mit Weltstars gespickte Auswahl gegen seinen/unseren FCK spielen (4:7).

 

Für die internationale Auswahl zogen sich folgende Stars das spezielle Trikot mit dem Werbeschriftzug OCE über: Benno Magnusson, Roland Sandberg, Hasse Borg, Conny Torstensson, Bosse Larson, Björn Nordvist, Björn Andersson, Kenta Ohlsson, Ove Kindvall, Klaus Toppmöller sowie die deutschen Weltmeister Paul Breitner, Franz Beckenbauer, Jürgen Grabowski, Wolfgang Overath und Sepp Maier. Den Weltmeister-Torwart-Kollegen forderte Ronnie sogar in einem Elfmeterduell als Schütze heraus.

 

Ein ganzer Verein, eine ganze Stadt, ja eine ganze Region – man kann ohne Übertreibung sagen, ganz Fußball-Deutschland - verneigte sich an diesem ergreifenden Abschiedsabend vor Ronnie Hellström. Dem einzigen ausländischen Spieler der langen Bundesliga-Geschichte, dem die Ehre eines solchen Abschiedsspiels zuteil wurde. Nach Spielschluß standen 27 Kinder im Mittelkreis. Jedes mit einem großen Schild in Händen. Zusammengesetzt ergaben die riesigen Buchstaben den Schriftzug „Ronnie Hellström – Danke schön“.

 

Zum emotionalen Höhepunkt des unvergessenen Abends entwickelte sich die Ehrenrunde des besten Torhüters der Weltmeisterschaften von 1974 und 1978. Akustisch begleitet von Roger Whittakers Hit „Abschied ist ein scharfes Schwert“. Gänsehautfeeling pur – selbst 35 Jahre danach! Bei jedem Gedanken, an dieses Spiel. Jedes Mal auch, wenn dieses Lied irgendwo erklingt! Sofort sind die Bilder dieses einmalig gefühlsbetonten Abends präsent. Das ergreifende „Goodbye“ für einen ebenso einmalig sympathischen Torhüter wie auch für einen außergewöhnlich liebenswürdigen Menschen: „Abschied ist ein scharfes Schwert, das auch so tief ins Herz dir fährt“.

 

Der vorbildliche Sportmann Ronnie Hellström sah in seiner ausgefüllten Karriere nie eine gelbe oder rote Karte! Dennoch gabs in dem Ronnies Abschiedsspiel eine rote Karte: Sein deutscher Nationaltorhüter-Kollege Sepp Maier zeigte sie vom Schalk getrieben Schiedsrichter Walter Eschweiler! Er wurde somit seinem Ruf als „Karl Valentin im Fußballtor“ einmal mehr gerecht! Die „Katze von Anzing“ dankte im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF dem Schicksal ernsthaft, dass „Ronnie kein Deutscher war, denn dann hätte ich bei keinem Spiel der Nationalmannschaft im Tor gestanden.“ Dass Paul Breitner zusammen mit den anderen Bayern-Assen an diesem Abend bei der internationalen Star-Auswahl mitspielen durfte, hatte folgende Bewandtnis: Man wollte ihm wie seinen Bayern-Kameraden die einmalige Gelegenheit bieten, auch einmal den Betzenberg als Sieger zu verlassen! Was letztendlich selbst an diesem Abend nicht gelang. Ebenso wenig wie zwischen dem 4. Oktober 1975 und dem 20. November 1982. In dieser langen Zeit blieb der große FC Bayern München - dreimaliger Europapokalsieger der Landesmeister 1974, 1975 & 1976 - auf dem Betzenberg in acht aufeinanderfolgenden Meisterschaftsspielen sowie in einem DFB-Pokalspiel sieglos! Da passt überhaupt nicht ins Bild, dass Ronnie Hellström sein erstes Aufeinandertreffen mit den Bayern am 9. November 1974 wie auch seine letzte Begegnung gegen die Münchner im Olympiastadion am 12. Mai 1984 jeweils mit 2:5 verlor!

 

Im Alter von 35 Jahren verabschiedete sich Ronnie Hellström aus der Pfalz und ging nach zehn Jahren beim FCK nach Hammarby zurück. Nur sportlich, wohl bemerkt! Denn Kaiserslautern strich er nie aus seinem Herzen, was viele Besuche der Pfalz in den folgenden Jahrzehnten unterstrichen. Auf Seite 212 seines 2019 in Deutschland erschienenen Buches „Ronnie – der fliegende Wikinger“ stellte er rückblickend fest, „immer mit einem Fuß in der Stadt geblieben zu sein“.